Startseite » Info » Persönlichkeiten » Zwei Zedern begegnen sich – Csontváry Géniusza in Budapest
Zwei Zedern begegnen sich
Zwei Zedern begegnen sich

Zwei Zedern begegnen sich – Csontváry Géniusza in Budapest

Bis zum Jahresende 2015 zeigt die Sonderausstellung „Csontváry Géniusza“ die bisher umfassendste Schau des ungewöhnlichen ungarischen Malers.
Sonderausstellung Csontváry Géniusza
Burgviertel Budapest, Szent György tér.
Nur noch bis zum 31. Dezember 2015
Täglich 10 bis 18 Uhr geöffnet

Bereits vor einigen Jahren begegneten wir den ausdrucksstarken Gemälden von Tivadar Kosztka Csontváry im gleichnamigen Museum im südungarischen Pécs. Besonders die einsame Zeder hatte es uns angetan, ihre Farbkraft und dramatische Bildkomposition uns überwältigt. Nachdem wir von der umfassenden Sonderausstellung Csontváry Géniusza in Budapest erfahren hatten, stand rasch der Entschluss fest, uns dies nicht entgehen zu lassen. Ja, diese Ausstellung war sogar ein Hauptgrund für die letzte Ungarn-Tour. Es sollte sich lohnen. Vielen flüchtig Bekannten aus Pécs sind wir nun in Budapest erneut begegnet. Zahlreiche weitere Gemälde und Zeichnungen komplettieren den Eindruck und ergänzen unsere Wahrnehmung um bisher verborgene Aspekte im Schaffen von Csontváry. Ausführlicher zum Leben und Gesamtwerk des Malers informiert demnächst mein Artikel über das erst allmählich entdeckte Genie Csontváry Tivadar Kosztka.

Csontváry Géniusza – die Ausstellung

Ausstellung Csontváry

Raum der Sonderausstellung Csontváry Géniusza

Rund 100 Malereien und Zeichnungen aus verschiedenen Museen sowie private Leihgaben ermöglichen die seit rund 50 Jahren umfassendste Ausstellung zum Werk von Csontváry. Teilweise stammen die Exponate aus der nur wenige Schritte entfernten Ungarischen Nationalgalerie, vorwiegend aus dem Csontváry-Museum in Pécs sowie aus weiteren Museen in Budapest, Miskolc, Pécs, Szolnok und Bratislava sowie aus privaten Sammlungen. Beherbergt ist die Schau in einem querstehenden Neorenaissance-Gebäude vor dem Budapester Burgpalast, dem ehemaligen Oberkommando der ungarischen Streitkräfte.

Lichtinstallation von Erik Matrai

Lichtinstallation von Erik Matrai in der Ausstellung Csontváry Géniusza

Das Arrangement würde dem Künstler Csontváry selbst gefallen: die Präsentation schafft eine harmonische Balance zwischen Tradition und Moderne. Teilweise hängen die Gemälde direkt auf altem Backstein-Gemäuer. Andererseits ergänzen Videowände unaufdringlich die Gestaltung. Keine Seite überwiegt dabei. Genauso war auch Csontváry sehr auf Tradition bedacht und zugleich neugierig hinsichtlich Fortschritt und Entwicklung, was er geschickt in seinen Bildern zu kombinieren verstand. Eine moderne Lichtinstallation des Künstlers Erik Matrai fügt sich fast wie selbstverständlich ein, verblüfft den Betrachter und weist den weiteren Weg zum Licht, womit in der Ausstellung jene Schaffensperiode von Csontváry zu verstehen ist, wo das Licht die dominante Rolle auf der Suche nach dem großen Motiv spielt.

Wandel durch Themen und Sujets von Csontváry

Csontváry: Reiher (1893)

Csontváry: Reiher (1893)

Die Ausstellung ist nicht chronologisch sondern primär thematisch geordnet nach Aspekten, die Csontváry bei seinen Motiven besonders bewegt haben. In jedem Raum und zu jedem Thema findet der Betrachter Tafeln, die den Hintergrund dieses Themas auf Ungarisch und Englisch erläutern. Vor allem bei den späteren Sujets helfen diese Texte, die Intention von Csontváry besser zu verstehen und Besonderheiten der Gemälde zu entdecken.

Eingangs begrüßt Csontváry seine Gäste selbst fiktiv über eine Videowand mit Zitaten wie etwa: „Herr, je mehr ich ihre Bilder betrachte, desto mehr verstehe ich, was es bedeutet zu sehen.“ Folgen wir also den Bildern und beginnen zu sehen. Die frühen Zeichnungen und Naturstudien entsprechen eher den Regeln der akademischen Malerei, sie zeugen jedoch von einer akribischen Perfektion, das Gesehene bildlich zu erfassen. Manche Porträts wirken gleichsam als Karikatur. Bei der Darstellung eines Reihers empfinde ich aber bereits eine Vorahnung auf die expressiven Darstellungen der Zedern.

Brücke von Mostar (1903)

Csontváry: Brücke von Mostar (1903)

Gebäude in der Landschaft sind ein beliebtes Motiv für Csontváry. Ihn interessiert dabei vor allem das Wechselspiel zwischen göttlich/natürlich sowie menschlich Erschaffenem. Mitunter verschiebt er dabei durch die Perspektive geschickt die Relationen und sorgt so für eine Balance. Eindrucksvolle Werke sind hier die stark an Brueghel erinnernde Ansicht von Ansicht von Selmecbánya sowie die Romanische Brücke von Mostar, deren Motivvorlage sich im heutigen Bosnien befindet. Nachdem die ursprünglich seit 1566 bestehende Brücke von Mostar  (Stari most) 1993 zerstört war, wurde diese nach ihrem Wiederaufbau 2004 eröffnet und zählt seit 2005 selbst zum Weltkulturerbe. Im Gemälde von Csontváry gewinnt diese Brücke durch die Perspektive und veränderte Größenverhältnisse, ihre zentrale Anordnung sowie die expressiven Farben eine ungeheure Präsenz und vermittelt metaphysische Gedanken.

Wasserfall von Jajce (1903)

Csontváry: Wasserfall von Jajce (1903)

Häufig ist Csontváry bestrebt, Bewegung und Dynamik auf die Leinwand zu bannen. Als eines der schönsten und zugleich ungarischsten Gemälde ist hier zunächst der Sturm über der großen Hortobágy zu nennen. Fasziniert hat ihn stets die natürliche Dynamik in Wasserfällen, die in mehreren Werken wie beispielsweise dem Wasserfall von Jajce zum Ausdruck kommt.

Vollmond über Taormina (1901)

Csontváry: Vollmond über Taormina (1901)

Wie bereits viele Malerkollegen vor ihm vor allem im Impressionismus war auch Csontváry unermüdlich auf der Suche nach dem Licht. Er bereiste verschiedene Regionen des damals noch größeren Ungarn bis an die Adria, weiter auch Italien, Sizilien, Griechenland und das Heilige Land. Dabei fand er leuchtende Farben, die er nicht nur für üppige Szenen seiner bereisten Orte wie Taormina auf Sizilien einsetzte, sondern sogar für dramatische Nachtszenen wie etwa in der privaten Leihgabe Vollmond über Taormina.

Über ein Treppenhaus gelangt man dann zu seinem Monumentalbild Baalbek, welches allenfalls noch von der Treppe aus in seiner Gesamtheit zu überblicken ist. Es lohnt sich aber durchaus, einige Details näher zu betrachten. Die Tempelanlagen von Baalbek befinden sich übrigens im Libanon und gehören seit 1984 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Zwei Zedern – Csontváry Géniusza in Vollendung

Einsame Zeder (1907)

Csontváry: Einsame Zeder (1907)

Das Highlight der gesamten Ausstellung ist sicherlich das Zusammentreffen zwei seiner wichtigsten Werke, die sonst getrennt in Pécs und Budapest hängen – die Einsame Zeder und Die Pilgerreise zu den Zedern in Libanon. Die Zeder ist seit vielen Jahrtausenden ein Baum mit oft biblischem Alter und ungeheurer symbolischer Bedeutungskraft. Ebenso verfügen auch Csontvárys Zedern, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ob einsam oder von einer ganzen Pilgerschar besucht, über eine spezielle Faszination.

Pilgerreise zu den Zedern des Libanon (1907)

Csontváry: Pilgerreise zu den Zedern des Libanon (1907)

Mächtig aufstrebend, bildfüllend, den Himmel mit erfassend – und doch im Wechselspiel zwischen Leben und Tod und der Einsamkeit. Fast surrealistisch erscheint die einsame Zeder im intensiv hellgrünen Gegenlicht. Der Himmel ist nur so hoch, wie die Zweige der Zeder reichen, dieser Baum ist der Anfang und das Ende. Die andere Zeder hingegen erhaben, beschützend und nahezu mystisch mit tiefem Nachtblau. Hier kommt sein Genie voll zum Ausdruck. Hier vereint er Schöpfung, Dynamik, Licht und Metaphysik.

Was versteht er selbst unter Genius

Laut Csontváry wird Genius oft mit Talent verwechselt, wobei letzteres nicht mehr ist als reine Vortrefflichkeit des Könnens. „Genie jedoch ist die strahlende Sonne selbst mit der gesamten Wahrheit und unerschöpflichen Energie, die die gesamte Welt nähren kann.“ Er sah sich selbst als richtungsweisendes Genie, das die Botschaft des Unsichtbaren verstanden hat, als jemand, der fähig ist, diese Botschaft auf authentische Weise wiederzugeben. Naja, Genie grenzt wohl dicht an Wahnsinn? Immerhin hat er sich kein Ohr abgeschnitten.

Hintergrundwissen zur Zeder

Zu biblischen Zeiten gab es im Libanon umfangreiche Zedernwälder. Seit Jahrtausenden war deren Holz sehr beliebt, etwa schon bei den Ägyptern und Phöniziern für den Schiffsbau. Auch König Salomo soll Zedernholz für den Tempel von Jerusalem verwendet haben. Heutzutage sind große Teile dieser Wälder abgeholzt und die Zeder bedroht. Die letzten dichten Waldgebiete sind heute Nationalpark und Programme arbeiten an der Neuaufforstung. Die Zeder findet bereit in der Bibel mehrfach Erwähnung und befindet sich auf der Flagge des Libanon. Symbolisch steht die Libanon-Zeder für den Frieden zwischen den Weltkulturen und Religionen. Weitere Informationen zur Libanon-Zeder bietet beispielsweise die Webseite: http://baum.nagabi.de/html/libanon_zeder.html.

Praktisches

Tipp: Die Eintrittskarten sind an bestimmte Zeiten gebunden. Da die Ausstellung gut besucht ist, kann ein Eintritt an der Tageskasse nicht garantiert werden, wird aber normalerweise möglich sein. Wer ganz sicher gehen will, bucht die Eintrittskarten für einen festen Termin vorab online unter http://www.jegymester.hu/eng/Production/600014/A-maganyos-cedrus-%E2%80%93-Csontvary-geniusza. Man sollte circa 2 Stunden für die Besichtigung einplanen.

Übrigens: Wer von der Pester Seite aus zu Fuß den Burgberg erklimmen möchte, sollte ausreichend Zeit dafür einplanen. Von der Kettenbrücke oder der Erzsebet hid aus benötigt man etwa eine halbe Stunde.

Adresse:

Burgviertel Budapest, Szent György tér, Anfahrt mit Buslinie 16 bis zum Disz tér

Koordinaten:

47,4985°N / 19,03682°O

Öffnungszeiten:

5. Juli 2015 bis 31. Dezember 2015
Montag bis Sonntag, täglich 10-18 Uhr

Eintrittspreise:

Erwachsene 3200 Ft
Schüler/Studenten/Senioren: 2400 Ft
Im Vorverkauf gibt es 10% Rabatt

Weitere Informationen: Mehr Hintergründe gibt die Webseite zur Ausstellung auf Englisch sowie die Empfehlung des ungarischen Tourismusamtes auf deren Webseite. Aufgrund der großen Nachfrage ist die Ausstellung aber jetzt auch montags geöffnet.

 

3 Kommentare

Einen Kommentar abgeben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Erforderliche Felder sind markiert *

*