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Omega – die dienstälteste Rock-Legende aus Ungarn

Omega und Frontmann János Kóbor stehen seit 1962 auf der Bühne und sind die erfolgreichste und noch aktive Rockband des Ostens.

Bei ungarischer Musik mag man an Geigen in der Csárda denken oder an Franz Liszt. Weniger bekannt ist oft, dass die erfolgreichste Rockband Osteuropas aus Ungarn stammt – Omega. Genau wie die Rolling Stones spielt die ebenfalls 1962 gegründete Band seit weit über 50 Jahren zusammen und noch immer live – zumindest bis vor kurzem. Omega sagt selbst gerne, wir spielen solange wie die Rolling Stones. Ein paar epochale Sounds entstammen der Feder von Frontmann János Kóbor und dem ehemaligen Bandmitglied Gábor Presser, auch wenn das viele heute gar nicht mehr wissen.

Kurze Geschichte und Diskographie von Omega

Omega wurde bereits 1962 aus zwei Schülerbands gegründet. 1968 wurden sie nach England eingeladen und produzieren dort ihre erste Platte. Rasch folgt auch eine Platte in Ungarn. 1969 kam der große Durchbruch mit dem Album „Tízezer lépés“ (Zehntausend Schritte) mit Hits wie Petróleum Lámpa und Gyöngyhajú Lány (Mädchen mit Perlen im Haar). Große internationale Erfolge brachte 1976/1977 das psychedelische Konzeptalbum „Időrabló“ bzw. auf Englisch „Timerobber“, dass sich an den sphärischen Klängen von Pink Floyd orientiert. Kein Wunder, in einem Interview 2007 nannte Sänger János Kóbor seine Lieblingsplatte „The dark side of the moon“ von Pink Floyd. „Időrabló“ erreichte nicht nur in Ungarn sondern auch in der BRD in wenigen Tagen Goldstatus. Das nächste Album „Csillagok útján“ (Auf der Milchstraße) verkaufte sich im kleinen Ungarn mehr als eine halbe Million mal. Es folgen weitere Alben und viele Konzerte in Europa.

Auch nach der Wende bleibt Omega in Ungarn beliebt. 1994 spielen Sie zusammen mit den Scorpions vor 70.000 Zuhörern im Népstadium Budapest. Danach covern die Scorpions ihren größten Hit Gyöngyhajú Lány unter dem Namen „White dove“. Auf dem nächsten Omega-Album findet sich 1995 eine ihrer schönsten Balladen „Minden könnycseppért kár“ (Schade um jeden Tränentropfen). Im Jahr 2014 spielen Omega wieder zusammen mit den Scorpions – diesmal auf dem Budapester Heldenplatz (Hősök tér) vor geschätzten 200.000 Leuten. Ende November 2020 veröffentlichte Omega das 17. Studioalbum „Testamentum“ – leider wird es wohl das letzte sein. Omega hat bisher weltweit mehr als 50 Millionen Platten verkauft.

Die ausführliche Diskographie liefern die Omegafreunde.

Omega live in Leipzig

Wir haben Omega erst vor kurzer Zeit entdeckt und erstaunt festgestellt, dass sie noch immer auf Tour sind und sogar nach Deutschland kommen. In Leipzig durften wir ein Stück Musikgeschichte live erleben. Wir bei einem Rockkonzert? Wo wir sonst eher die etwas sanfteren Töne mögen. Nachdem ich auf Youtube Titel von Omega gehört hatte, war ich aber neugierig und überzeugt, dass es sich lohnen würde. Es sollte unser erstes richtiges Rockkonzert werden. Trotz grandioser Balladen ist Omega in erster Linie natürlich eine Rock-Band. Das haben sie beim Konzert in Leipzig auch deutlich klargestellt mit gewaltigen und treibenden Rocksongs, die dennoch eine erstaunliche Vielfalt aufweisen.

Faszinierend bereits der „Einmarsch“ zu „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss, Op.30 in der Adaption von Omega. Diese geniale Komposition von 1896 gilt noch heute oft als Inbegriff für Monumentalität. Verwendet wurde sie etwa auch 1968 für den Film „A space Odissey“. Im Verlauf des Konzertes schienen die Titel immer anspruchsvoller zu werden ­– Balladen von unglaublicher Tiefe und Nuancierheit. Bei psychedelischen Sounds wie Ezüst Eső stockt der Atem – man wird entführt in die Klang- und Bildwelt des Titels. Das eindringlich wiederholende Klavier-Motiv von „Silberner Regen“ zieht in den Bann.

Auch der Drummer ist noch das Urgestein: Ferenc Debreczeni. Keyboarder Benkő László ist ebenfalls seit 1962 dabei. Der Sound ist (war) sein Leben. Hier schien er wie in Trance mit dem Keyboard zu verschmelzen. Ohne die tolle Leistung der jüngeren Bandmitglieder zu schmälern, die alten Barden zählen zu den ganz großen der Musikgeschichte.

Omega 2019 in Leipzig

Omega 2019 in Leipzig: Kóbor János und Debreczeni Ferenc

Omega 2019 in Leipzig

Omega 2019 in Leipzig: Links László Benkő, in der Mitte János Kóbor, rechts Ferenc Debreczeni

 

Titanium – die Rockgeschichte von Omega auf Platte

Die Biographie und Diskographie von Omega kann man auf verschiedenen Webseiten auch auf Deutsch nachlesen – etwa bei den Omegafreunden. Erleben kann man die Rockgeschichte aber am besten auf dem Album „Titanium“. Für uns als Omega-Neulinge empfahl der nette Herr von der AzVuK vor dem Omega-Konzert in Leipzig diese Best-of-Platte. Er sollte Recht behalten. Die Platte avancierte rasch zu unserer meistgehörten Lieblingsmusik und ist es bislang geblieben. Die Favoriten darauf wechseln. Mancher Titel wird erst allmählich eingängig, dafür umso nachhaltiger.

Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen möchte, findet vieles auch auf Youtube. Ein paar der schönsten Hits möchte ich kurz vorstellen.

Die Titanium startet mit einer richtig flotten, bombastischen Rocknummer aus dem Jahre 1987 – Babylon.

Mit sphärischen Klängen entführt uns Ezüst eső (Silberregen,1979) in ganz eigene Traumwelten.

Omega können aber auch lustige Partysongs, wie sie ebenfalls 1969 mit Régi csibészek (Alte Lausbuben) bewiesen haben.

Das wunderschön fließende Naplemente (Sonnenuntergang, 1969) ist übrigens die B-Seite der Single ihres größten Hits Gyöngyhajú Lány.

Régvárt kedvesem (Meine langerwartete Liebste, 1972) ist ein prima rhythmisches Beispiel aus der Hardrock-Phase Anfang der 1970er Jahre.

Ein beliebter Klassiker, den jeder Ungar an den ersten Tönen der Trommel sofort erkennt, ist Petróleumlámpa aus dem Jahr 1969.

Minden könnycseppért kár (Schade um jeden Tränentropfen) ist eine wunderschön dahin schwebende Ballade aus dem Jahr 1995.

1998 präsentiert Omega mit Egy életre szól (Für ein Leben lang) eine ergreifende Hymne.

Der epochale Song Gyöngyháju lány (Mädchen mit Perlen im Haar) aus dem Jahr 1969 ist eine der größten Rock-Hymnen aller Zeiten. Und nein, er ist nicht ähnlich zu irgendetwas, er ist prägend, er war eher. Smoke on the water erschien 1972, drei Jahre später. We are the champions kam 1977. Bereits in der DDR coverte Frank Schöbel den Hit unter dem Titel „Schreib es mir in den Sand“. 1995 erschien das Cover von den Scorpions unter dem Titel White Dove.

 

Testamentum – das Vermächtnis von Benkő László – eine kleine Rezension

War das neue Album als Testament von Omega geplant? Vielleicht nicht unbedingt, aber Benkő László litt schon länger an schwerer Krankheit. Wie das Leben so spielt, ist das Testament nun traurige Gewissheit geworden, denn wenige Tage vor der Veröffentlichung von „Testamentum“ starb nicht nur Benkő László sondern auch das ehemalige Bandmitglied Mihály Tamás. Die Legenden leben aber weiter.

Testamentum wirkt wie eine Reise durch die Zeit, durch das Leben von Omega, durch das Leben jedes Einzelnen. Insgesamt ein eher düsteres und mystisches Album voll Sehnsüchten, Wünschen, Rückblicken und Träumen. Vielleicht erschließt es sich erst beim mehrmaligen Hören in seiner ganzen Tiefgründigkeit. Gewiss eines der besten Alben von Omega – auch wenn es der Toningenieur mitunter wohl etwas zu gut gemeint hat. Die ersten Titel sind vom Hall überfrachtet, danach wird es aber zum Glück angenehmer.

Hier möchte ich einen Überblick zu den Titeln vermitteln. Die Übersetzungen stammen von mir als Ungarisch-Anfänger – bitte gerne per Kommentar oder E-Mail an mich korrigieren, wenn ich etwas nicht richtig verstanden habe.

A sötétség kapuja (Nyitány) – Das Tor der Dunkelheit (Ouvertüre): ein treibender Rhythmus mit Orchester-Arrangement sorgt für eine rockige Eröffnung

A föld árnyékos oldalán – Auf der Schattenseite der Erde: eine wuchtig, schwere Neufassung des Originals von 1986

A lángoló huszadik század – Das flammende zwanzigste Jahrhundert: eine Hymne, deren Chor an die Carmina burana von Carl Orff erinnert

Varázslatos fehér kő – Magischer weißer Stein: der alte Klassiker von 1972 im neuen Gewand wirkt streckenweise etwas überladen und mit zu viel Hall

Mennyben az angyal – Engel im Himmel: eine sehr rockige Uptempo-Nummer

Huszadik századi városlakó – Stadtbewohner des 20. Jahrhunderts: Neufassung des Originals von 1976 mit viel Keyboard und Gitarre

Jöjj szabadító – Komm, Erlöser: eine nachdenkliche, getragene und traurige Ballade, die das Potenzial zu einer Hymne hat

Álom 21. Század – Traum des 21. Jahrhunderts: eine getragene Hymne voll Kraft und Zuversicht, die an Vangelis erinnern mag

A holló – Der Rabe: Neufassung des Heavy-Metal-Titels von 1981 mit treibender Gitarre vor einem Klangteppich

A démon (Lilith) – Der Dämon (Lilith): ein etwas dämonischer und psychedelischer Titel

Ideje a pontot kitenni – Es ist Zeit, den Standpunkt klarzumachen: ein recht nachdenklicher Titel

Hangyanép (Szörnyű porszemek) – literarisch: Ameisenhaufen (schreckliche Staubkörner)

Gloria et honor Deo – Herrlichkeit und Ehre sei Gott: mystisch mit choralem Begleitgesang

A látogató – Der Besucher: ein ruhig, sphärisches Intermezzo über die kurze begrenzte Zeit des Besuch auf dieser Welt

Légy hű magadhoz – Sei dir selbst treu: ehrfurchtsvoll wie ein Aufruf und Gebet, wo die Orgelbegleitung dann vom Keyboard abgelöst wird

Álomszinház – Traumtheater: ein Traum, ein letztes Aufbäumen mit großem Orchester, Rockgitarre und Chor

Halotti beszéd – Begräbnisrede: die finstere Grabrede von „Mecky“ János Kóbor könnte für „Laci“ László Benkő gemeint sein

Utolso ítélet – Jüngstes Gericht: mit Glockengeläut verabschieden sich das Album und Benkő László.

Das Label Grundrecords hat das komplette Album freundlicherweise auf Youtube eingestellt.

Benkő László wurde kürzlich auf dem Friedhof Farkasréti temető beerdigt, weit oberhalb vom Gellértberg in Budapest. Auf der Budaer Stadtseite hinter dem Burgberg gibt es einen Gedenkbaum für ihn im Horváth kert.

Danke für dein Lebenswerk. Ruhe in Frieden. Nyugodjon békében, kedves Laci.

 

Links und Bezugsquellen für Musik von Omega

Ungarische Platten und CDs sind über die gängigen großen Händler nur schwer zu bekommen. Daher hier ein paar Tipps, wo ihr die Platten kaufen könnt und noch mehr über Omega erfahrt.

AzVuK: Mein Tipp in Deutschland ist die Agentur zur Verbreitung ungarischer Kultur (AzVuK, Nachfolger des ehemaligen ungarischen Kulturzentrums) in Berlin. Im Online-Shop azvuk-shop.de gibt es diverse Platten von Omega einschließlich des neuen Albums Testamentum sowie von weiteren ungarischen Künstlern wie beispielsweise Bródy János, Illés, Koncz Zsuzsa. Eine gute Auswahl ungarischer Platten findet sich ebenfalls bei https://www.green-brain-krautrock.de/index.php.

Rockdiskont: Wer etwas Ungarisch versteht, kann auch direkt in Ungarn bestellen. Der Rockdiszkont ist ein kleiner, nerdiger Laden in der Király u. 108 in Budapest und zugleich ein bekannter Versender in Ungarn. Die Lieferung ist grundsätzlich auch nach Deutschland möglich und kostet dann rund 17 Euro Versand. Die Bezahlung erfolgt per Kreditkarte, nachdem man per E-Mail den Endpreis für den Export erfahren hat. Ich habe selber dort schon mehrfach bestellt. Die Lieferung erfolgt prompt.

Omegafreunde: Die vielleicht umfangreichsten Informationen zur Band auf Deutsch gibt die Webseite http://omegafreunde.de/index.htm. Eine wahre Fundgrube für Fans mit Biographien, Diskographie, Links zu Interviews sowie deutschen Übersetzungen zahlreicher Omega-Titel.

Lyrics: Viele Informationen zur Band sowie die original ungarischen Texte aller Omega-Titel finden sich unter https://zeneszoveg.hu/egyuttes/15/omega-dalszovegei.html

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